Zuhören

Tanja Rathmann hört zu auf einer politischen Veranstaltung

 

Aufmerksames Zuhören ist Wertschätzung und ist erlernbar. Dadurch werden/wird:

  • Beziehungen aufgebaut, vertieft und gestärkt.
  • Konflikte und Missverständnisse vermieden.
  • eine zukunftsfähige Organisationskultur geschaffen.

Es fällt positiv auf, wenn Menschen vorurteilsfrei und interessiert zuhören können. Oft genug gibt es Gesprächssituationen, in denen aneinander vorbeigeredet wird. Es gibt einen regelrechten Wettbewerb darüber, wer den größeren Redeanteil – und wer Recht hat.

Aufmerksames Zuhören repräsentiert eine innere Haltung, die sich interessiert und offen anderen gegenüber zuwendet und damit Wertschätzung und Akzeptanz verspricht. Das wiederum bewirkt eine Öffnung der anderen Person(en).

Das Akzeptieren der Andersartigkeit – des Denkens und des Fühlens – ist Grundvoraussetzung für ein gutes Gespräch. Denn das macht es erforderlich nachzufragen, Redepausen auszuhalten und zu rekapitulieren, ob das Gesagte (richtig) verstanden wurde. Diese Art der Gesprächskultur fördert gesunde Beziehungen.

Die Beziehung zum Gegenüber verändert sich unweigerlich zum Positiven. Das macht die Fähigkeit zuzuhören so wichtig für die eigene Zufriedenheit und Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen.

Zuhören heißt Verstehen lernen. Hans-Georg Gadamer – Schüler von Martin Heidegger – schreibt dazu 1959, was sich gut auf Gesprächssituationen übertragen lässt:

„Wer einen Text verstehen will, ist vielmehr bereit, sich von ihm etwas sagen zu lassen. Daher muss ein hermeneutisch geschultes Bewußtsein für die Andersheit des Textes von vornherein empfänglich sein. Solche Empfänglichkeit setzt aber weder sachliche Neutralität noch gar Selbstauslöschung voraus, sondern schließt die abhebbare Aneignung der eigenen Vormeinungen und Vorurteile ein. Es gilt, der eigenen Voreingenommenheit inne zu sein, damit sich der Text selbst in seiner Andersheit darstellt und derart in die Möglichkeit kommt, seine sachliche Wahrheit gegen die eigenen Vormeinung auszuspielen.“

Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode – Vom Zirkel des Verstehens, 1959.

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Nightline Berlin an der Humboldt-Universität

Die Nightline ist ein Zuhörtelefon von Studierenden für Studierende – unabhängig, anonym und ehrenamtlich. Nach den Grundsätzen des aktiven Zuhörens nach Carl Rogers. Hintergrund ist der Gedanke, dass jede*r mit ihrem und seinem Anliegen ganz selbstständig eine Lösung finden kann. Erst durch ein achtsames Gegenüber werden im Gespräch neue Lösungsansätze und Potenziale entdeckt und der Raum wird eröffnet für Entlastung in belastenden Situation. Denn: Nichts ist so schwer zu ertragen wie mit einem Problem allein zu sein.

Seit dem 24.10.2019 ist die Nightline nun auch in Berlin zu erreichen – wie in vielen anderen Städten auch. Seit dem 23.09.2020 sind wir ein Verein. http://berlin.nightlines.eu/

Interview bei CouchFM

Nightline Berlin an der HU Berlin

Artikel auf Berlin.de

Bericht vom rbb


 

Emotionale Erste Hilfe

Die Corona-Krise wird uns noch eine Weile beschäftigen. So kann es bei einem selbst aber auch bei Menschen im nahen Umfeld zu Überforderungssituationen kommen. Konflikte treten schneller und sichtbar(er) hervor, soziale Isolation führt zu Niedergeschlagenheit und die Ungewissheit, wie es in Zukunft weitergeht, kann zu großer Verunsicherung, Ohnmacht und Hilflosigkeit führen. 

Es gibt Hilfsangebote, die genutzt werden können. Aber was tut man im konkreten Moment, wenn plötzlich ein naher Angehöriger, eine Freundin oder der Nachbar verzweifelt oder auch wütend vor einem steht?

Es braucht nicht viel, um die Situation zu deeskalieren bzw. zu stabilisieren (sog. Ko-Regulation). Durch einen geschützten Raum zwischen beiden Gesprächspartner*innen wird eine offene und akzeptierende Atmosphäre hergestellt, die dazu dient, dass der oder diejenige sich mitteilen kann. Das Gesprächsangebot kann dann folgendermaßen eingeleitet werden, muss aber auch nicht:

„Ich habe Zeit für dich und höre dir gern zu. Sei nicht irritiert, wenn ich auch in Gesprächspausen nichts sage. Ich möchte einfach, dass du dich ausdrücken kannst und ich deine Situation so verstehen kann.” Oder so ähnlich.

Im Wesentlichen umfasst die Emotionale Erste Hilfe folgende Bestandteile:

  • 1. Stabile Seitenlage →  sicheres Umfeld schaffen
  • 2. Lindernde Schmerzcreme → Frei reden lassen, nicht unterbrechen, präsent sein, Ruhe bewahren
  • 3. Verband → Akzeptanz für alles, was da kommt. Alles ist okay und muss nicht korrigiert werden. 

Der Stress konnte durch das Zuhören reduziert werden, wodurch eine fühlbare Erleichterung eingetreten sein sein sollte. Unbedingt wichtig ist hierbei zurückhaltend mit Ratschlägen zu sein und Gefühle auszuhalten – auch wenn es das Schwierigste am Zuhören ist.

Die Intervention besteht also im Unterlassen: Keine Ratschläge, keine Lösungsansätze, (vorerst) kein Teilen von eigenen Erfahrungen, kein Verneinen, Bagatellisieren, Kritisieren von gefühlten Problemen. Einfach nur reden und fühlen (!) lassen.

So einfach es hier klingt: Diese Fähigkeit ist keine Selbstverständlichkeit und sollte geübt werden.

Emotionale Erste Hilfe an der Humboldt Universität zu Berlin