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„Scham“ von Andrea Köhler

Das Thema Scham beschäftigt mich seit geraumer Zeit, besonders natürlich, weil ich mich mit meiner eigenen Scham auseinandersetze. Dabei bin ich auf das Buch von Andrea Köhler gestoßen.

Scham hat soviel Einfluss auf unser Leben, dass es sich lohnt, dieses Gefühl einmal näher zu betrachten. Um nur einige Punkte zu benennen:

  • Scham sorgt für Perfektionismus
  • Scham sorgt für soziale Angepasstheit
  • Scham löst Ängste aus

Scham hat also wünschenswerte und weniger wünschenswerte Eigenschaften. Zunächst sorgt sie dafür, dass wir uns in einer Gruppe sozial angepasst verhalten. Das ist gut, weil wir so akzeptiert und damit Teil einer Gemeinschaft werden. Das sichert unser Überleben. „Mit dem Ausschluss eines Menschen aus der Gemeinschaft wird dieser in eine existenzielle Fremdheit – auch vor sich selber – verstoßen.“ (S. 82)

Das Schamgefühl beantwortet subtil die Fragen: Was ist erlaubt, wo sind die Grenzen des Sagbaren und wie darf ich mich in einer Gruppe verhalten? Überschreiten wir diese Grenzen von Normen, Moralvorstellungen und Regeln, so werden wir in der Regel mit einer sozialen Sanktion „bestraft“, die sich unangenehm anfühlt. Das kann ein Blick sein, eine Zurechtweisung oder der Ausschluss aus der Gruppe. Interessant ist, dass das nie passiert sein muss, um das Gefühl der Scham zu entwickeln. Selbst die eingebildete soziale Sanktion reicht aus, um uns zu disziplinieren. „Denn nichts steuert unser Verhalten so sehr wie die Angst vor Gesichtsverlust. Wir möchten dem Bild entsprechen, das wir von uns selbst pflegen – und wir schämen uns, wenn wir diesem Ideal nicht genügen.“ (S. 100)

„Der Mann, der jeden Tag mit der Aktentasche das Haus verlässt, obwohl er seinen Job schon vor Wochen verloren hat, die alte Frau, die lieber ihr Lebens aufs Spiel setzt, als jemanden um Hilfe zu bitten: Solche von Schamangst bestimmten Verhaltensweisen zeigen die bösartig konformistische Seite der falsch verstandenen Scham.“ (S. 84 f.)

Wir haben das Gefühl wir werden plötzlich ganz klein, unbedeutend oder sogar vernichtet. Je ausgeprägter das Schamgefühl, desto größer der Effekt auf unser Selbstwertgefühl. Andrea Köhler schreibt dazu sehr treffend: „Scham rührt an die stets sprungbereite Angst, verlassen zu werden.“ (S. 81) Interessant eigentlich, dass diese Angst uns nach all den Jahren noch so im Griff hat.

Andrea Köhler schreibt gut verdauliche und treffend beschriebene Essays zu dem „uncoolsten aller Gefühle“: der Scham. Wer sich für Scham interessiert und auch literarisch ein gelungenes Werk dazu lesen möchte – das kein Lebensratgeber ist – dem kann ich dieses Buch nur ans Herz legen.

Scham von Andrea Köhler schienen bei zu Klampen, 2017.

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